Schüler während der Abiturprüfung (Archivbild)
FAQ

Debatte über Prüfungen Mathe-Abi - wirklich zu schwer?

Stand: 06.05.2019 16:10 Uhr

Zehntausende Schüler bundesweit beklagen sich über ein zu schweres Mathe-Abitur. Was sagen die Lehrer? Wie einheitlich ist das Abitur überhaupt? Und könnten die Vorwürfe Konsequenzen haben?

Von Carina Braun, tagesschau.de

Was kritisieren die Schüler am Mathe-Abi?

Die Schüler beanstanden, dass die Aufgaben zu schwer und zu umfangreich gewesen seien; es habe Aufgabenstellungen gegeben, die so nie zuvor behandelt worden seien. Von den Petitionen ist bisher - mit mehr als 50.000 Unterstützern - die ans bayerische Kultusministerium die erfolgreichste. "2016 war es anspruchsvoll, 2017 war es machbar, 2018 war es nahezu leicht und 2019 enthielt plötzlich Aufgabenstellungen, die vorher kaum einer gesehen hatte", heißt es darin. Vor allem Teile der Geometrie und Stochastik seien so schwer gewesen wie in keiner der vergangenen Prüfungen.

Die Hamburger und niedersächsischen Schüler schreiben in ihren Petitionen, die Anforderungen seien "nicht erfüllbar und zu hoch angesetzt" gewesen. Neben der Schwierigkeit kritisieren sie auch den Umfang: "Es wurde eine hohe Anzahl an Aufgaben gestellt, die so in ihrer Ausfertigung nur schwer lösbar und nicht schülergerecht konzipiert wurden."

Milad Fahimi von der Hamburger Institution für Mathematik glaubt, dass es weniger wegen der mathematischen Schwierigkeiten Probleme gab - "sondern weil der Text in den Aufgaben nicht wirklich verstanden wurde. Was auch daran liegt, wie er formuliert wurde und wie er didaktisch in diesen Aufgaben aufgebaut wurde."

Wie einheitlich ist das Abitur heutzutage überhaupt?

Unklar ist bisher, ob die Beschwerden sich auf bundesweit einheitliche oder auf länderspezifische Aufgaben beziehen. Seit dem Jahr 2017 sind die Prüfungen in Deutschland etwas vergleichbarer geworden. Seither gibt es einen Aufgabenpool in vier Fächern - Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch -, aus dem sich die Länder für ihre Abiturprüfungen bedienen können. Erstellt wurden die Aufgaben von Teams aus Fachdidaktikern und Lehrkräften aus allen Ländern. Die fachliche Koordination und Leitung liegt beim Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Daneben gibt es aber weiterhin Aufgaben, die die Länder selbst entwickeln - in der Regel bestehen die Prüfungen also aus einer Mischung dieser beiden Aufgabenarten. Die Auswahl von Einheitsaufgaben ist für die Länder nicht verpflichtend. "Aber alle Länder entnehmen Aufgaben aus dem Pool", sagt der Sprecher der Kultusministerkonferenz, Torsten Heil. Ihm zufolge hatten die Länder in diesem Jahr für Prüfungsteil A die Auswahl aus 25 Aufgaben und für Prüfungsteil B aus 30 Aufgaben. Da es beim Abitur häufig Wahlmöglichkeiten gibt, kann es auch sein, dass eine absolvierte Prüfung allein aus Länderaufgaben besteht. Ziel des Aufgabenpools ist jedoch, dass sich die Länder bei den eigenen Aufgabenstellungen an dessen Standards orientieren - dass das Abitur also trotz zum Teil unterschiedlicher Aufgaben vergleichbarer wird.

Allerdings spielen auch weitere Faktoren eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung aufs Abitur, etwa Unterrichtsausfall oder Lehrermangel. Auch die Wochenstundenzahlen der einzelnen Fächer können sich von Bundesland zu Bundesland etwas unterscheiden.

Was sagen die Lehrer zu den Vorwürfen?

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands bezweifelt, dass die Aufgaben zu schwierig waren. Die Tendenz zeige für Bayern, dass sich die Notenresultate "im durchschnittlichen Bereich der Abi-Prüfungen in Mathematik" bewegten, sagte Heinz-Peter Meidinger der "Rhein-Neckar-Zeitung". Wenn es Hinweise auf eine erschwerte Prüfung gebe, müsse man über eine Neubewertung nachdenken. Aber derzeit gebe es dafür keine Anzeichen.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht bisher noch keine Anzeichen für eine zu schwere Prüfung.

Ähnlich äußern sich auch Vertreter des Philologenverbandes, der die Gymnasiallehrer vertritt und in den vergangenen Jahren immer wieder vor einem sinkenden Leistungsniveau an Gymnasien gewarnt hat. Der bayerische Landesvorsitzende Michael Schwägerl sagte dem BR, er könne sich nicht vorstellen, dass lehrplanfremde Inhalte abgefragt worden seien. Vielleicht habe es in der Aufgabenstellung oder im Beschreibungstext die ein oder andere Überraschung gegeben - "aber man muss auch sagen, ein zumutbarer Anteil von problemorientierten, vielleicht auch anspruchsvolleren Nicht-Standard-Aufgaben ist ja vorgesehen."

Thomas Gaube, der Vorsitzende des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt und selbst Mathematiklehrer, sagte dem MDR, seine Fachkollegen im Bundesland bewerteten die Aufgaben als lehrplangerecht und an den Bildungsstandards orientiert. Der niedersächsische Verbandsvorsitzende Horst Audritz erklärte jedoch, es habe schon während der Klausur erste Rückmeldungen gegeben, dass die Arbeit zu lang und zu schwer gewesen sei.

Unterstützung bekamen die Schüler vom bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband. Verbandspräsidentin Simone Fleischmann sagte der Deutschen Presse-Agentur, in einem Teil der Prüfung habe es sehr viel - auch unnötigen - Text gegeben. "Eklatant viele" Schüler seien deshalb nicht rechtzeitig fertig geworden.

Welche Konsequenzen könnten die Petitionen haben?

Die Kultusministerien mehrerer Länder haben bereits angekündigt, die Aufgaben zu überprüfen. Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat eine Überprüfung gefordert. Wenn sich herausstelle, dass die Kritik berechtigt sei, könne der Schlüssel bei den Bewertungen angepasst werden - die Prüfungen würden also weniger streng bewertet. Es könne aber auch Abhilfe geschaffen werden, indem Prüfungen neu abgelegt werden. Angesichts des Lehrermangels stelle sich zudem die Frage, inwieweit Lücken auch auf Unterrichtsausfall zurückzuführen seien.

Ob es eine Neubewertung geben könnte oder gar eine Wiederholung der Prüfung, ist bisher unklar. "Das entscheidet ein Land letztlich für sich", sagt Kultusministerkonferenz-Sprecher Heil.

Gab es bereits einen vergleichbaren Fall?

Tatsächlich gab es bereits einen ähnlichen Fall im Jahr 2016 in Niedersachsen. Auch damals beschwerten sich Schüler, die Aufgaben seien zu kompliziert formuliert und in der vorgegebenen Zeit kaum zu lösen gewesen. Das Kultusministerium des Landes befand schließlich, dass der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben leistbar, die Aufgabendichte für die vorgegebene Zeit allerdings möglicherweise zu hoch gewesen sei. Es passte die Bewertung an.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Mai 2019 um 10:00 Uhr.